Udo Dirkschneider: „Alles kompletter Irrsinn!“

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Udo Dirkschneider: „Alles kompletter Irrsinn!“

Metal-Legende Udo Dirkschneider steht auch nach über 40 Jahren auf der Bühne unter Dampf. Zumal die aktuelle Weltsituation weiterhin genügend Stoff für seine wuchtige Musik liefert. Über Tourneen in Krisengebieten und seinen ganz besonderen Auftritt auf dem nächsten Wacken Open Air hat sich Dirkschneider mit spot on news unterhalten.

Heavy-Metal-Sänger Udo Dirkschneider (62) kommt mit seiner Band U.D.O. ganz schön viel in der Welt herum und erlebt diese dabei nicht immer von ihren schönsten Seiten. Seine Eindrücke hat er auf dem neuen Album „Decadent“ verarbeitet, das dank einer verjüngten Besetzung nebenbei das vielleicht stärkste U.D.O.-Werk seit langem ist. Wie es war, während der Krim-Krise in der Ukraine zu touren und welcher Ehrengast womöglich zu seinem Auftritt in Wacken kommt, hat der ehemalige Accept-Frontmann der Nachrichtenagentur spot on news verraten.

„Decadent“ ist das erste Album, das Sie mit Ihrer aktuellen Besetzung eingespielt haben. Was hat sich dadurch geändert?

Udo Dirkschneider: Ja, das erste mit beiden neuen Gitarristen, das war eine sehr interessante Recording-Session. Man musste erstmal sehen, wie die im Studio zusammenarbeiten. Wir haben jetzt keinen Rhythmus- und Sologitarristen mehr, sondern zwei gleichwertige Gitarristen, und das hat ganz gut funktioniert, die haben sich gesucht und gefunden. Deswegen ist das auch ein sehr gitarrenlastiges Album geworden. Es ist auch sehr vielfältig geworden, weil ich nach Ewigkeiten auch wieder mit der kompletten Band komponiert habe und nicht wie früher mit Stefan Kaufmann oder wie beim letzten mit unserem Bassisten Fitty Wienhold. Bei vier Leuten kommen auch mehr Einflüsse und Ideen zusammen. Ich glaube, deshalb klingt dieses Album auch wieder anders, als alle anderen.

Sie touren viel in Osteuropa, Ihr Gitarrist Andrey Smirnov ist Russe – was haben Sie da ganz aktuell für einen Blick auf die Ukraine-Krise?

Dirkschneider: Andrey bringt mir die neuesten Nachrichten, wie sie in Russland wiedergegeben werden. Also, er hält das alles für den absoluten Irrsinn, da fragt sich eigentlich jeder, was das soll, auch die Leute in der Ukraine. Wir waren ja im März 2014 auf Tour in der Ukraine und da haben wir mit Jugendlichen und mit Soldaten gesprochen, die halten das alles für den totalen Quatsch, es geht eigentlich mal wieder nur um Macht. Ich weiß nicht, was Putin geritten hat, dass er diese Spielchen treibt mit der Ukraine.

Der dürfte schon gewisse Ziele verfolgen…

Dirkschneider: Es geht eigentlich um die Schwarzmeerflotte und ihren Zugang zum Mittelmeer, dafür gab es aber schon Verträge, an die hätte sich die Ukraine weiter gehalten. Ich habe das Gefühl, Putin will zu der alten Sowjetunion zurückkehren, aber das Rad kann er nicht zurückdrehen. Ich interessiere mich sehr für Politik und verfolge, was da so läuft, und ich halte das alles für einen kompletten Irrsinn. Genauso die Schotten und Katalanen, die jetzt autonom werden wollen, was soll denn der Quatsch eigentlich?

„Decadent“ ist ja auch recht politisch geworden.

Dirkschneider: Ja, es gibt viele politische Texte auf diesem Album. Bei „House of Fake“ geht es zum Beispiel um die Regierungen dieser Welt, die viel versprechen und vieles besser machen wollen, und es passiert eigentlich gar nichts. „Rebels of the Night“ kommt aus der Zeit, in der wir in der Ukraine unterwegs waren. Das war die ganz heiße Phase, als es gerade losging mit der Krim. Viele andere Themen sind einfach beim Nachrichtengucken entstanden.

Hatten Sie denn irgendwelche Probleme, als Sie im vergangenen Jahr in der Ukraine und in Russland gespielt haben?

Dirkschneider: Überhaupt nicht. Gerade zu dem Zeitpunkt, als wir in der Ukraine waren, hatte sonst alles abgesagt, was irgendwie mit Musik zu tun hatte. Wir haben einen guten Draht zur Ukraine durch unseren Promoter, und der meinte, klar könnt ihr absagen, aber ich kann euch jetzt schon sagen, das ist alles hier ganz easy. Wir haben da keine Ängste ausstehen müssen. Das kam immer bloß von Zuhause: „Ja, seid bloß vorsichtig, was hier alles im Fernsehen ist“ und so, und ich sagte „Wir sehen aber nichts davon!“ (lacht). Das wurde im Fernsehen schon alles ein bisschen übertrieben dargestellt. Und in Russland gab es sowieso auch keine Probleme, da haben wir dann im August auf einem Festival in Moskau gespielt. Da kamen auch keine Leute, die uns irgendwelche komischen Fragen stellten oder so, da war überhaupt nichts.

Sie spielen dieses Jahr in Wacken mit einem Bundeswehrorchester, im Februar 2014 gab es schon einen ähnlichen Auftritt in Tuttlingen. Wie kam es zu diesem Projekt?

Dirkschneider: Die Idee, mit Klassik was zu machen, haben wir eigentlich schon ewige Zeiten gehabt. Als Stefan Kaufmann noch in der Band war haben wir versucht, mit dem Prager Sinfonieorchester was zu machen, mit Geigen und so, das war dann aber alles zu schön. Darum haben wir das Projekt wieder auf Eis gelegt. Dann war ich mit dem „Steelhammer“-Album zum Mischen in Wilhelmshaven, und der Mischer war Schlagzeuger beim Marinemusikkorps Nordsee. Ich bin dann mit meinem Bassisten zu einem Konzert von denen gegangen und habe halt so Marschmusik erwartet, nichts Interessantes. Und dann spielten die da ABBA und Michael Jackson und solche Sachen.

Was hat Sie davon überzeugt, dass das das richtige Orchester für Ihre Idee war?

Dirkschneider: Der Sound war eigentlich das, wo ich gesagt habe, das passt zu Heavy Metal. Das ist auch alles Blech, das ist schön hart, das passt zusammen. Da haben wir uns mal unterhalten, ob das funktionieren könnte. Dann wurde mal mit gewissen höheren Herrschaften bei der Bundeswehr gesprochen, die dann gesagt haben, macht mal ein paar Arrangements. Und dann hat sich das ganz langsam entwickelt, es gab natürlich schon Berührungsängste zum Heavy Metal. Das Arrangieren hat sich ein gutes Jahr hingezogen, und dann haben wir zum ersten Mal mit dem Orchester geprobt. Wir waren erst nervös, wie das zusammengeht, aber es hat sehr gut funktioniert. Wir waren am zweiten Tag der Probe schon eine Gemeinschaft, es gab gar keine Berührungsängste mehr. Bei dem Auftritt in Tuttlingen waren dann die Reaktionen sensationell. Es war ruckzuck ausverkauft, das hat von uns keiner erwartet.

Und wann wurde klar, dass es eine Fortsetzung davon gibt?

Dirkschneider: Die Geschichte hat natürlich Kreise gezogen, die Bundeswehr hat gemerkt „Aha, damit können wir auch Jugendliche erreichen“. Und dann fragte Holger vom Wacken, ob es möglich wäre, mit dem Bundeswehrorchester nochmal was zu machen. Das Marineorchester wurde inzwischen aufgelöst, darum machen wir das jetzt mit dem Showorchester, das wird noch eine Nummer größer. Die hatten auch noch Ideen, wie man das Ganze inszenieren kann, aber ich kann noch nicht zu viel verraten. Ich glaube aber, das wird ein bleibendes Event werden. Wir haben damit auch ein Charity-Projekt ins Leben gerufen: Die Einnahmen von der CD und DVD mit dem Auftritt in Tuttlingen spenden wir an ein Projekt, das die Kinder gefallener Soldaten unterstützt. Und das ist jetzt wohl ganz oben bei der Frau von der Leyen und es könnte sein, dass die liebe Verteidigungsministerin da in Wacken erscheinen wird.

Sind danach noch weitere Auftritte mit dem Orchester geplant?

Dirkschneider: Es haben sich schon die Russen und die Tschechen gemeldet. Das Problem ist, der Zeitpunkt, um mit einem Bundeswehrorchester nach Russland zu gehen, ist nicht gerade sehr günstig. Vielleicht geht es noch nach Tschechien, vielleicht auch nach Schweden. Aber das dauert noch ein bisschen, das wird wohl nicht vor Oktober gehen, und dann kucken wir mal. In Russland wollen die das unbedingt auf dem Roten Platz machen und haben natürlich als Alternative ein russisches Orchester angeboten. Aber das werden wir alles noch sehen.