„The Raid 2“: Beste Martial-Arts-Unterhaltung für Hartgesottene

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„The Raid 2“: Beste Martial-Arts-Unterhaltung für Hartgesottene

Wenn bei "The Raid 2" von Hammer und Sichel die Rede ist, hat das nichts mit Kommunismus zu tun. Regisseur Gareth Evans lässt in seinem Action-Kracher mit allerhand zweckentfremdeten Gegenständen aufeinander einschlagen. Dabei herausgekommen ist ein überraschend tiefgründiges und blutiges Martial-Arts-Spektakel der Extraklasse.

Als der Waliser Gareth Evans 2007 nach Indonesien reiste, um einen Film über die dort traditionelle Kampfkunst Pencak Silat zu drehen, verliebte er sich in die Kultur des Landes. Vor allem der junge Iko Uwais (31) konnte Evans begeistern, dessen Kampfschule er im Zuge seiner Dokumentation besuchte. Der Indonesier, der seit er zehn Jahre alt ist den hierzulande noch recht unbekannten Kampfstil seiner Heimat trainiert, konnte aber keinerlei Schauspielerfahrung vorweisen. Dennoch beeindruckte er Evans mit seinen Martial-Arts-Fähigkeiten derart, dass er ihn sofort für sein nächstes Projekt engagierte: „The Raid“.

Ebenfalls in Indonesien angesiedelt, konnte „The Raid“ mit seinen schnörkellosen aber beeindruckenden Kampfchoreografien überzeugen, welche dem Martial-Arts-Genre wieder mehr Realismus verliehen. Weil auch die Story genug Spannung transportierte, wurde man in Hollywood hellhörig: Ein Jahr nach „The Raid“ entlieh sich der amerikanische Film „Dredd“ fleißig der Grundgeschichte des Streifens.

Die Handlung von „The Raid 2“ setzt nun fast nahtlos an die Geschehnisse aus dem ersten Teil an. Polizist Rama (Iko Uwais) ist nach einer Razzia gerade so mit dem Leben davon gekommen, da planen die Behörden bereits, ihn als Undercover-Agent in Indonesiens Unterwelt einzuschleusen. Auf diese Weise soll er belastendes Material sammeln, um die ganz großen Fische der mächtigen Verbrecherkartelle an die Justiz zu liefern. Als nach der Ermordung seines Bruders auch seine Frau und das gemeinsame Kind in Gefahr geraten, lässt sich Rama auf das gefährliche Spiel ein und sinnt auf Rache.

Um sich Glaubwürdigkeit zu verschaffen und den Verbrechern zu imponieren, soll er den Sohn einer bekannten Politikerfamilie verprügeln und für das Vergehen für kurze Zeit ins Gefängnis gehen. Dort, so der Plan der Polizei, könne er sich dann mit dem ebenfalls eingebuchteten Sohn des mächtigen Mafiabosses Bangun anfreunden. Mit seinen einzigartigen Kampfkünsten mausert sich Rama zwar tatsächlich zum persönlichen Leibwächter von Gangster Uco, allerdings zu einem hohen Preis: Nicht wenige Monate, sondern drei Jahre muss er für seine Tat einsitzen und täglich um sein Leben bangen. Nach seiner Freilassung stellt er umso erschrockener fest: Als neue rechte Hand der Verbrecherbosse lebt es sich auf den Straßen von Jakarta sogar noch gefährlicher, als im Gefängnis.

Evans legt in seinem Sequel zu „The Raid“ noch einmal in allen Belangen eine Schippe drauf. Der stimmungsvollen, aber recht simpel gehaltenen Handlung des ersten Teils setzt er in seiner Fortsetzung eine clevere Geschichte aus Intrige, Rache und Verrat entgegen, die wunderschön in Szene gesetzt wird. Inhaltlich kann das zeitweise zwar etwas verwirrend sein, wenn man aber aufmerksam der Story folgt, ergibt jeder Twist Sinn und ist glaubwürdig. Zudem bedient sich Evans zu Beginn des Films sehr atmosphärischen Zeitsprüngen innerhalb der Handlung, welche die Kinogänger gekonnt über die Bedeutung des Gezeigten grübeln lassen und so in den Bann ziehen. Das ändert sich auch bis zum Ende des Streifens nicht – bei fast 150 Minuten Laufzeit eine wahre Meisterleistung.

Auf Oscar-verdächtige Darbietungen muss man in „The Raid“ freilich verzichten. Obwohl Hauptdarsteller Uwais nie Schauspielunterricht genoss, ist seine Performance als innerlich zerrissener Cop stets glaubhaft. Seine Sehnsucht nach seiner Familie, die er zu deren Schutz während der riskanten Mission nicht sehen darf, macht seinen Charakter menschlich und emphatisch. Zudem durchläuft Rama einen interessanten Wandel: Die drei Jahre in Haft lassen ihn seine Loyalität der Polizei gegenüber in Frage stellen. Er wähnt sich als potentielles Bauernopfer der Behörden und beginnt für den Zuschauer nachvollziehbar, mit seinen neuen Gangster-Freunden zu sympathisieren – bis diese ihm wieder unumgänglich ins Gedächtnis rufen, warum er undercover gegen sie ermittelt.

Das Herzstück des knapp 150 minütigen Films sind selbstverständlich die atemberaubenden Kampfszenen. Davon gibt es reichlich und jede überbietet die Vorangegangene. Was Regisseur Evans hier auf die Leinwand gezaubert hat, wird in seiner schonungslosen Brutalität nur von der Schönheit und Perfektion der Choreografien übertroffen.

Was die Prügeleien so interessant macht, ist Evans‘ ungewöhnliche Art, die Szenen aufzunehmen. Gerne setzt man bei amerikanischen Blockbustern auf sehr nahe Kameraeinstellungen und schnelle Schnitte, um bei kämpfenden Hollywood-Stars darüber hinwegzutäuschen, dass Bruce Willis und Co. nicht die gelenkigsten Helden dieser Erde sind. Evans hingegen kann auf seine Darsteller und deren perfekte Körperbeherrschung bauen, dementsprechend weit kann er sich mit der Kamera vom Geschehen entfernen. Der Zuschauer hat so – mit Ausnahme der gewollt chaotischen Schlachten zu Beginn im Gefängnis – jeden Schlagabtausch stets perfekt im Blick.

Ein weiterer Pluspunkt ist, dass bewusst auf Hilfsmittel wie Drähte oder Seile verzichtet wurde, um die Kämpfe in Szene zu setzen. Während Genre-Vertreter Jet Li gerne übernatürlich durch die Gegnerhorden schwebt, setzt Evans auf einen hohen Realitätsgehalt während den Gefechten. Das lässt Martial-Arts-Fans ein ums andere Mal mit der Zunge schnalzen, dürfte aber für zartbesaitete Kinogänger schlichtweg zu heftig sein. Wenn mit Baseball-Schlägern, Hämmern, Sicheln und Macheten aufeinander eingedroschen wird, bleibt einem aufgrund der blutigen Konsequenzen für die Charaktere das Popkorn ab und an ihm Halse stecken. Wer kein Blut sehen kann, ist in „The Raid 2“ sicherlich fehl am Platz.

Fazit: Wer auf Filme von Jet Li und Co. steht oder sich für spannende Kampfszenen à la Mortal Kombat begeistern kann, wird „The Raid 2“ lieben. Realitätsnah und ohne Klamauk wird darin Martial-Arts-Kunst auf allerhöchstem Niveau geboten, ohne dass die Story des Films zu kurz kommt. Auch Fans des ersten Teils, machen mit dem Kauf einer Kinokarte definitiv nichts verkehrt. Gerade die letzte Schlacht des Films ist schlichtweg atemberaubend – und äußerst blutig. Wem grafische Gewaltdarstellung ein Dorn im Auge ist, der wird bei „The Raid 2“ lange 150 Minuten vor sich haben. Für Action-Fans ist der Streifen aber ein Must-See.