Kino-Tipp: „The Wolf of Wall Street“

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Kino-Tipp: „The Wolf of Wall Street“

Geld regiert die Welt. Das weiß der junge Jordan Belfort und ergaunert sich mit 26 Jahren ein Multimillionen-Vermögen an der New Yorker Börse. Martin Scorsese inszeniert die wahre Geschichte des Börsenbetrügers in einem bildgewaltigen Drei-Stunden-Epos und war einer der Gewinner bei den Golden Globes. Wird der Streifen mit Leonardo DiCaprio den Vorschusslorbeeren gerecht?

Kaum ist Jordan Belfort an der Wall Street angekommen, kostet ihn und hundert andere Börsianer der legendäre Black Monday den Job. Doch Belfort hat Blut geleckt, will nicht in sein altes Leben zurückkehren. Er strebt nach mehr: Mehr Reichtum, mehr Drogen, mehr Sex. Er entdeckt, dass man durch den Handel mit Penny-Stocks einen schnellen Reibach machen kann. Binnen kürzester Zeit wird Belfort mit seiner Firma Stratton Oakmont zum Multimillionär. Dass kaum eines der Geschäfte legal ist, das FBI gegen ihn ermittelt und seine Ehe droht, in die Brüche zu gehen, stoppt den Börsenschwindler nicht.

Denn Geld macht glücklich. Das weiß der erst 26-Jährige Multimillionär Jordan Belfort zu Beginn von „The Wolf of Wall Street“ ganz genau. An seinem Jahreseinkommen von 49 Millionen Dollar stört ihn nur, dass es drei zu wenig sind, um auf eine Million Dollar Gehalt pro Woche zu kommen. Belfort verpulvert sein Vermögen fast ebenso schnell, wie er es naiven Börsenspekulanten aus der Tasche zieht. Villa, Yacht, Privat-Hubschrauber – Belfort leistet sich alle Statussymbole, von denen der durchschnittliche Glücksritter am New Yorker Aktienmarkt nur träumen kann.

Seine Mitarbeiter vergöttern ihn. Na klar, denn welcher chauvinistische Börsenspekulant würde seinen Chef nicht lieben, wenn dieser dutzende Prostituierte anheuert, um in der Firma für eine Massenorgie zu sorgen? Gratis-Drogen selbstverständlich mit inbegriffen. Gemeinsam mit seinem besten Freund und Mitbegründer der Firma, Donnie Azoff, spuckt Belfort der Justiz ein ums andere Mal ins Gesicht. Es scheint, dass Geld tatsächlich die Welt regiert.

Martin Scorsese (71, „Taxi Driver“) inszeniert die Lebensgeschichte von Börsengauner Jordan Belfort als bildgewaltigen Trip zwischen Drogen- und Sex-Exzessen. Gemeinsam mit Lieblings-Protegé Leonardo DiCaprio ist so ein Film entstanden, der die Geister scheiden wird. Die Hauptkritik, der Film würde das korrupte und egoistische Leben des Verbrechers glorifizieren, stellt sich spätestens am Ende des Films als haltlos heraus. Natürlich, Belfort erweist sich als wahres Stehaufmännchen – seine finanziellen Gewinne scheinen aber zu keiner Zeit seine menschlichen Verluste aufwiegen zu können. Am Ende ist Belfort alleine, verlassen von der wankelmütigen High Society und seiner Familie gleichermaßen.

Über die schauspielerische Leistung von DiCaprio kann es dagegen nur eine Meinung geben. In einer Mischung aus „Der große Gatsby“ und „Fear and Loathing in Las Vegas“ durchschreitet er jede Phase des Wahnsinns, der Gier, des Größenwahns – und das absolut meisterlich. Sympathisch macht das die Figur sicherlich nicht, trotz des vermeintlichen Traumlebens bemitleidet man den vom rechten Weg abgekommenen Schmierlappen Belfort schon fast. Nicht zu Unrecht kassierte DiCaprio für seine Darstellung den Golden Globe als bester Hauptdarsteller in einer Komödie.

Und genau das ist „The Wolf of Wall Street“, zumindest zum größten Teil: Eine Komödie. Wer sich auf den bitterbösen, anarchischen Humor fern unterhalb jeglicher Gürtellinie einlässt, wird bestens amüsiert aus dem Kino kommen. Ob der hervorragend aufgelegte Matthew McCornaughey (44, „Magic Mike – Die ganze Nacht“) gleich zu Beginn des Streifens, oder das Zweiergespann DiCaprio/Hill: Perfekt persiflieren sie alles, das falsch ist an der New Yorker Börsenlandschaft.

Mit dem Wahrheitsgehalt hat es Scorsese genauer genommen, als es die komplett überzeichnete Satire vielleicht vermuten (und hoffen) lässt. Der berühmt-berüchtigte „Zwergenweitwurf“ zu Beginn des Films ist eine Erfindung Hollywoods, so viel sei versichert. Viele der anderen unglaublichen Aktionen, die einem im Laufe des dreistündigen Epos präsentiert werden, sind der Realität aber näher, als einem lieb sein kann – der Verzehr des Goldfisches eines Kollegen beispielsweise.

Ein Kritikpunkt bleibt die eben angesprochene Laufzeit des Streifens. Mit satten 180 Minuten verlangt „The Wolf of Wall Street“ doch einiges an Sitzfleisch. Es wirft zumindest die Frage auf, ob es nicht ein, vielleicht zwei Drogeneskapaden weniger auch getan hätten. Man kann aber auch entgegengesetzt argumentieren. Den ausschweifenden Exzessen des Protagonisten setzt Scorsese die ebenso exzessive Laufzeit des Films entgegen. Was nach den ersten Drogenabstürzen noch als amüsant erscheint, offenbart sich nach zahlreichen Wiederholungen als das, was es wirklich ist: traurig und selbstzerstörerisch. Gelacht werden darf über derartige Idiotie aber trotzdem.

Gewinnt das Böse an der Wall Street also immer? Nein, vielmehr geht am Ende von „The Wolf of Wall Street“ jeder als Verlierer hervor. Mancher allerdings, das werden die von Belfort ans Messer der Staatsanwaltschaft gelieferten Kollegen bestätigen, weniger als Andere.